research for efficient Configurations Of Remanufacturing Enterprises
Komplexitätsbegriff

Der Begriff Komplexität ist von dem lateinischen Word ‚complexus‘ abgeleitet, was so viel bedeutet wie zusammengeknüpft, verwoben, vernetzt.
Unter Komplexität versteht man eine Systemeigenschaft. Der Grad der Komplexität ist danach von der Anzahl der Systemelemente, von der Vielzahl der Beziehungen zwischen diesen Elementen und der Anzahl möglicher Systemzustände abhängig.

Zusammenfassen kann man Komplexität im Wesentlichen wie folgt:
•    Ein System ist komplex, wenn es nicht vollständig geistig erfassbar und beherrschbar ist.
•    Die Komplexität eines Systems steigt mit der Anzahl und Verschiedenheit der Elemente und der Vielfalt der Beziehungen zwischen diesen.
•    Das Verhalten komplexer Systeme ist dynamisch und als Ganzes schwer vorhersagbar.

Daraus ergeben sich die folgenden Komplexitätsmerkmale eines Systems:
•    Vernetzt
•    Intransparent
•    Eigendynamisch
•    Umfangreich

Komplexitätsbegriff im Kontext der Produktion

Die genannten Komplexitätsmerkmale sind charakterisierend für alle Unternehmen. Daher können produzierende Unternehmen grundsätzlich als komplexe Systeme eingeordnet werden.
Die  Komplexität in Produkten und Prozessen steigt mit der Anzahl und Verschiedenheit der Teilprodukte oder -prozesse und der Intensität der Verknüpfung dieser.
Um Komplexität bezogen auf das System ‚Produzierendes Unternehmen‘ noch näher zu beschreiben, werden der Komplexität die vier Dimensionen Vielfalt, Größe, Dynamik und Unsicherheit zugewiesen:
•    Größe: wie groß ist das System? (unternehmensorganisatorische Aspekte wie Mitarbeiteranzahl, Hierarchieebenen, Standorte, Art und Menge von Produkten)
•    Vielfalt: wie diversifiziert ist das System? (Sortimentsbreite, Produktstruktur, Prozessvarianz)
•    Dynamik: wie schnell verändert sich das System unfreiwillig? (zeitliche Aspekte wie Innovations-, Markt- und Lebenszyklen)
•    Unsicherheit: wie vorhersagbar ist das System? (unvorhersagbare Änderungen der Unternehmensplanung bezogen auf Produkte und Prozesse).
Den vier Dimensionen lassen sich detaillierte Komplexitätstreiber zuordnen. Komplexitätstreiber sind Faktoren, die Komplexität verursachen und deren Kenntnis es ermöglicht, den Einfluss der Komplexität zu quantifizieren. Neben der Frage, welche Faktoren Komplexität verursachen, interessiert ebenso, wie sich Komplexität in Unternehmen auswirkt, also die Folgen der Komplexität, die hauptsächlich in steigenden Kosten und Ineffizienz resultieren.

Komplexitätsmanagement

Komplexität in Unternehmen stellt das Management täglich vor zahlreiche Auswahloptionen und Entscheidungen sowie die Herausforderung, Übersichtlichkeit und Verarbeitbarkeit beizubehalten bzw. wiederherzustellen.
Ziele des Komplexitätsmanagements sind einerseits die Aufrechterhaltung der Balance zwischen Kundenausrichtung und Prozesseffizienz, andererseits die Effizienzsteigerung des Unternehmens bei gleichzeitiger Erhöhung des Kundennutzens.
Ziel des Komplexitätsmanagements soll nicht sein, Komplexität komplett zu eliminieren. Das richtige Maß an Komplexität trägt zur Steigerung der Unternehmenserlöse bei, erfüllt die Kundenanforderungen, schafft Differenzierung im Wettbewerb und eröffnet neue Märkte. In diesen Maßstäben findet sich die Zielsetzung der Balance zwischen Kundenausrichtung und Prozesseffizienz wieder. Komplexität wird dann zum Nachteil, wenn sie Ineffizienz und erhöhte Kosten ohne ersichtlichen oder messbaren Nutzen erzeugt.

Komplexität in der Refabrikation

Refabrikationsunternehmen stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Unternehmen der Neufertigung, auch hinsichtlich Komplexität. Jedoch verstärken sich in der Refabrikation die negativen Auswirkungen der Komplexität vor allem durch zusätzliche Variantentreiber, die eine größere Vielfalt erzeugen. Das breite Spektrum von Produktgruppen, Herstellern, Baureihen, Produktgenerationen, Konfigurationen bzw. Modifikationen und Qualitätsniveaus (z.B. Verschmutzungsgrad, Abnutzungsgrad, Nutzungshistorie der Altprodukte) erfordert jeweils spezifische Aufarbeitungsschritte, wobei die damit zusammenhängenden Produktvarianten in zahlreiche Prozessvarianten sowie Prozessschnittstellen münden. Die folgende Grafik gibt einen Überblick über ausgewählte Komplexitätstreiber der Refabrikation.

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Die Ziele des Komplexitätsmanagements in der Neuproduktion gelten auch für die Refabrikation. Der Kundennutzen sollte maximal sein bei gleichzeitig hoher Wirtschaftlichkeit Dies bedeutet, extern sollte der Kundenbedarf durch eine marktgerechte Anzahl angebotener Produkte und deren Varianten gedeckt werden, intern muss angestrebt werden, die entstehende operative Komplexität zu handhaben. Der Fokus ist dabei weniger auf die Produkt- als auf die Prozesskomplexität zu richten. Nicht die Produkte sondern deren effiziente Produktion stehen bei der Refabrikation im Vordergrund. Denn im Gegensatz zur Neuproduktion können Refabrikationsunternehmen nur passiv auf die Produkt- bzw. Variantenvielfalt und die daraus entstehende Komplexität reagieren, anstatt diese aktiv zu vermeiden oder zu reduzieren.

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Die Ergebnisse des Projektes reCORE sowie der daraus entwickelte Methodenkonfigurator sollen dazu beitragen, auf die Bedürfnisse des Komplexitätsmanagements für die Refabrikation speziell einzugehen und die Beherrschung der Prozesskomplexität zu ermöglichen.

 

Quellen:

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Newsticker
20.11.2013
Erfolgreicher Abschluss des Projekts reCORE
Das Projekt reCORE wurde im März 2013 erfolgreich abgeschlossen. Das Gesamtziel war, Refabrikationsunternehmen bei der Beherrschung der varianteninduzierten Komplexität zu unterstützen, indem sowohl branchenspezifische als auch... [ ...mehr ]
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Sandra Seifert
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